Herr Kralik, wie sind Sie selbst zu Medizinalcannabis gekommen? 

Meine Diagnose Multiple Sklerose habe ich 2012 erhalten. Zunächst wurde ich klassisch mit Basistherapie, Schmerzmedikation und weiteren Medikamenten behandelt. Darauf habe ich mit schweren Nebenwirkungen reagiert, unter anderem mit Brustentzündungen, die mehrere Operationen notwendig machten. Parallel wurde die Schmerzmedikation immer weiter erhöht. 2014 habe ich meinen Neurologen auf Cannabis angesprochen, weil ich gelesen hatte, dass es bei MS helfen kann. Er war offen, wollte aber die Antragstellung nicht übernehmen. Also habe ich mich selbst eingearbeitet und den Antrag vorbereitet.  Damals lief der Zugang noch über eine Ausnahmegenehmigung des BfArM. Nach einigen Rückfragen wurde diese Genehmigung erteilt.  Eine weitere Hürde war es, eine Apotheke zu finden, die Cannabis überhaupt bestellt.

 

Was hat sich durch die Therapie für Sie verändert? 

Ich nehme seit 2014 durchgehend Medizinalcannabis. Seitdem habe ich meine MS-Medikamente vollständig abgesetzt. Ich hatte seit 2014 keine Schübe mehr und auch keine weiteren Brustentzündungen. Mein körperlicher Zustand ist deutlich stabiler als damals.  Für mich geht es nicht um ein einzelnes Symptom, sondern um ein Gleichgewicht. Die Therapie hilft mir, Schmerzen, Krämpfe, Konzentrationsprobleme und andere Beschwerden besser zu kontrollieren. Sie hat mir ermöglicht, wieder verlässlicher am Alltag teilzunehmen. 

 

Warum ist diese Therapieform für Sie nicht einfach austauschbar? 

Cannabis ist eine sehr individuelle Therapie. In der Pflanze wirken viele Bestandteile zusammen. Deshalb gibt es auch unterschiedliche Sorten mit unterschiedlichen Wirkprofilen. Das kann eine patientenindividuelle Behandlung ermöglichen. Für mich erfüllen Blüten und Extrakte unterschiedliche Funktionen. Wenn Schmerzen, Spastiken oder Krämpfe akut auftreten, brauche ich eine Therapieform mit raschem Wirkeintritt. Aus meiner Sicht gibt es dafür derzeit keine gleichwertige Alternative.  

 

Welche Hürden erleben Patientinnen und Patienten heute noch und was hat sich seit 2017 verbessert? 

In der Beratung sehe ich, dass es weiterhin viele Vorurteile gibt. Gerade im ländlichen Raum und in Bayern ist das Thema oft noch stark politisiert. Viele Patientinnen und Patienten müssen nicht nur einen Arzt oder eine Ärztin finden, sondern auch mit Vorbehalten in Familie, Beruf oder Umfeld umgehen.  Positiv ist, dass seit 2017 immer mehr Apotheken und Ärztinnen und Ärzte offen sind. Die Reformen seit 2024 haben diese Entwicklung zusätzlich verstärkt. Ich beobachte außerdem, dass die Patientengruppe älter und vielfältiger geworden ist. Es kommen zunehmend Frauen und viele ältere Menschen. Gleichzeitig bleibt die Versorgung schwierig: Sortenverfügbarkeit ist nicht immer gegeben, und ein Austausch ohne Rücksprache kann die Therapie beeinträchtigen. Auch die Kostenerstattung bleibt komplex. Dokumentationsaufwand und Regresssorgen führen dazu, dass Patientinnen und Patienten trotz medizinischer Notwendigkeit nicht immer Zugang erhalten. 

 

Was würde eine Streichung von Cannabisblüten aus der GKV-Erstattung bedeuten? 

Ich sehe darin ein großes Problem für die Patienten- und Therapiesicherheit. Blüten sind nicht beliebig ersetzbar. Gerade bei akuten Schmerzspitzen, Krämpfen oder Spastiken ist die schnelle Wirkung entscheidend. Wer darauf angewiesen ist, kann nicht einfach auf Extrakte umgestellt werden. Extrakte können eine wichtige Basis bilden, aber sie ersetzen nicht in jeder Situation die schnelle Anflutung einer inhalativen Therapie. Viele schwerkranke Menschen haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, Cannabisblüten dauerhaft selbst zu bezahlen. Wenn Blüten aus der Erstattung fallen, entsteht für diese Patientinnen und Patienten eine zusätzliche Hürde. Ein weiteres Risiko ist, dass Patientinnen und Patienten bei fehlender Erstattung auf unsichere Quellen ausweichen. Das kann nicht im Sinne einer verantwortungsvollen Gesundheitsversorgung sein. 

 

Sie haben zwei Wünsche frei. Was wünschen Sie sich von der Politik? 

Ich wünsche mir weniger Polarisierung beim Thema Cannabis. Es braucht einen offenen und sachlichen Umgang, damit Medizinalcannabis als normale Therapieoption verstanden werden kann. Viele Debatten werden noch immer aus einer konsum- oder ordnungspolitischen Perspektive geführt. Für Patientinnen und Patienten geht es aber um Versorgung, Teilhabe und Therapiesicherheit. 

 

Und was wünschen Sie sich von der Branche? 

Von der Branche wünsche ich mir mehr sachliche Aufklärung und weniger Marketinglogik. Es braucht Informationen, die Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten sowie Apotheken wirklich helfen. Dazu gehört auch Prävention und ein verantwortungsvoller Umgang mit Cannabis im Allgemeinen. Wenn Ängste abgebaut werden und Medizinalcannabis als normale medizinische Option verstanden wird, gewinnen alle: Patientinnen und Patienten, die Versorgung und auch die gesellschaftliche Debatte. 

Wir danken Manuel Kralik herzlich für das offene Gespräch und die Einblicke in eine Patientenperspektive! 

 

Sons(t) noch was?

Habt Ihr spezielle Fragen oder Anregungen für das Cannabis-Briefing? Dann schreibt uns eine Mail an briefing@www.cansativa.de. Wenn Ihr Interesse habt, mit uns die Cannabisbranche zu revolutionieren, dann bleibt dran und folgt unseren Briefings!

Wir wünschen eine gute Lektüre!

Mit legalisierenden Grüßen

Jakob Sons

Gründer von Cansativa

Benedikt Sons

Gründer von Cansativa